Im Februar 1999 faßten zwölf deutsche Großunternehmen gemeinsam
mit der Bundesregierung den Beschluß zur Gründung eines gemeinsamen
Fonds zur Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter, der sich aus den
Mitteln der "Stiftungsinitiative deutscher Unternehmen: Erinnerung, Verantwortung
und Zukunft" und des Bundesetats speisen soll. Dies geschah nicht ganz
aus eigenem Antrieb, der Druck von in den USA anhängigen Sammelklagen zur
Entschädigung von ZwangsarbeiterInnen war dafür ausschlaggebend.
Der bis heute für die ehemaligen ZwangsarbeiterInnen unbefriedigende Verhandlungsverlauf
zwischen Opferverbänden einerseits und Industrieunternehmen sowie Bundesregierung
andererseits macht nach Ansicht der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund
der AntifaschistInnen (VVN/BdA), Kreisorganisation Neuss, und der Geschichtswerkstatt
Neuss e. V. deutlich, daß politische Initiativen zur Entschädigung
ehemaliger ZwangsarbeiterInnen auf kommunaler Ebene notwendig sind, um den öffentlichen
Druck auf die Nutznießer der NS-Zwangsarbeit zu erhöhen und so eine
an dan Vorstellungen der Opferverbände orientierte Entschädigung zu
erzielen.
Vor diesem Hintergrund luden die VVN/BdA Neuss und die Geschichtswerkstatt am
27. Oktober 1999 zu einer Veranstaltung zum Thema "Entschädigung für
NS-Zwangsarbeit" ins Edith-Stein-Haus ein, auf der Lothar Evers vom Bundesverband
Information und Beratung für NS-Verfolgte über den Stand der Verhandlungen
zwischen den beklagten deutschen Unternehmen und den Opferverbänden, die
Hintergründe der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft und über
Erfahrungen auf kommunaler Ebene mit Entschädigungsinitiativen referierte.
Seine Ausführungen über die Geschichte der Entschädigung in der
Bundesrepublik, den Stand der aktuellen Verhandlungen und die juristischen Aspekte
des Themas endeten mit dem Fazit, daß die rechtliche Lage bezüglich
der Entschädigung von ZwangsarbeiterInnen in der Bundesrepublik trotz verstrichener
Verjährungsfristen immer noch unklar sei und sich daher für eine kommunale
Entschädigungsinitiative lediglich der Weg der politischen Öffentlichkeitsarbeit
eigne, um auf ortsansässige Unternehmen einzuwirken, sich an der Entschädigungsinitiative
der deutschen Wirtschaft zu beteiligen.
In diesem Sinne stellten VVN und Geschichtswerkstatt im Verlauf der Veranstaltung,
an der neben Mitgliedern der SPD-Ratsfraktion Vertreter von Bündnis 90/Die
Grünen und der PDS-Neuss auch Vertreter anderer politischer Organisationen
anwesend waren, einen Aufruf "Entschädigung von NS-ZwangsarbeiterInnen
- Jetzt! Neusser Appell" vor, der nebenstehend abgedruckt ist.
Beide Organisationen arbeiten bereits seit Mai vergangenen Jahres an einer lokalen
Entschädigungsinitiative. Neben der Recherche nach Überlebenden und
der Suche nach den Rechtsnachfolgern der Neusser Firmen, die zwischen 1940 und
1945 ZwangsarbeiterInnen eingesetzt haben, haben beide Organisationen den Versuch
unternommen, im Vorfeld mit den betreffenden Neusser Firmen und ihren Betriebsräten
Gespräche aufzunehmen, bisher ohne Erfolg.
Mit dem "Neusser Appell" wollen VVN/BdA und Geschichtswerkstatt die
Unterstützung durch Parteien, Gewerkschaften, politische und kirchliche
Einrichtungen für die Forderung nach einer Beteiligung der betreffenden
Neusser Wirtschaftsbetriebe an der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft
mit der Maßgabe einer Erhöhung der bislang von der Unternehmensseite
angebotenen 4 Milliarden DM und nach einer Entschädigung von NS-Opfern,
die in kommunalen Betrieben in Neuss Zwangsarbeit leisten mußten, einholen.
Daneben stehen VVN/BdA und Geschichtswerkstatt mit den Ratsfraktionen von SPD
und Grünen in Verhandlungen mit dem Ziel, den "Neusser Appell"
als Resolution zur Verabschiedung in den Rat der Stadt Neuss einzubringen. Der
Vorsitzende der SPD-Ratsfraktion, Reiner Breuer, hatte sich bereits auf der
Veranstaltung zustimmend geäußert. Eine positive Reaktion auf unser
Anliegen kam auch von Bürgermeister Herbert Napp, der in einem Schreiben
an die VVN/BdA zusicherte, die Angelegenheit mit den Ratsfraktionen zu erörtern.
Mit ausreichender Unterstützung des "Neusser Appells" wollen
beide Organisationen wieder an die betreffenden Unternehmen herantreten. Ziel
ist es dabei, unter Vermittlung des Bundesverbandes Information und Beratung
von NS-Verfolgten in ein Gespräch mit Wirtschaftsvertretern der Neusser
Betriebe über die Entschädigungsfrage einzutreten.
VVN/BdA Kreisvereinigung Neuss; Postfach 10 13 32; 41460 Neuss.