Fortsetzung von letzter Ausgabe (6/99)

Rheinisches Landestheater Neuss

Interview mit Sewan Latchinian und Gernot Hertel

NM: Theater und Jugend - gibt es da ein Problem?
GH: Theater und Jugend - das ist ein ganz wichtiges Anliegen von mir. Ich bin schon öfter in Schulen gegangen und war ziemlich erschrocken, wie z.B. den Kindern Theater in Form von Theaterstücken oder Lesungen beigebracht wird: es ist auf die langweiligste, auf die graueste, drögeste Art, die eigentlich nur abschreckend wirkt. Immer dann, wenn man aus der Praxis als Schauspieler mal ein Stück beleuchtet und erzählt, wie wir mit den Sachen umgehen, dann denken die: Oih, das ist doch ganz witzig.
Einmal habe ich Schülern einfach so ein paar Dinge aus dem "Faust" erklärt. Die Schüler haben sich totgelacht und die Lehrer waren sauer. Weil ich denen erzählt habe, wie man mit so einer Geschichte umgeht, wie Gretchen und Faust in der Frage: Wie hältst du es mit der Religion - das Religionsgespräch aus "Faust" . Da wird immer so hingelenkt auf den Pantheismus von Goethe - alles Quatsch. Das interessiert uns als Schauspieler überhaupt nicht, sondern es ist einfach der Text, in dem der Faust sexuell und erotisch an das Mädchen herankommen will, basta! Und das muss gespielt werden. Das ist doch der ungeheure Witz: Der denkt nicht im Traum an das, was er da gerade erzählt - das hat zwar Hand und Fuß - aber sein Interesse ist das Mädchen. Dass Gretchen aufhört, allzu sehr an Unschuld und Ehe zu denken. Was ist das für ein Mensch, der die Macht des Teufels braucht, um mit einer Frau schlafen zu können. Das ist doch hochkomisch, oder? Ein deutscher Professor muss erst mit dem Teufel anbinden, damit er endlich mal 'ne Frau ins Bett bekommt. Das steht nun mal im Text. Und wenn man das den Kindern erzählt, dann sagen die: Das ist ja toll! Und so geht es mit vielen Stücken. Und die Lehrer sind nicht in der Lage, zu zeigen, dass Literatur eine lustvolle Angelegenheit ist.
SL: Zu wenig. Wenn es zwischen Theater und Jugend ein Problem gibt, dann gibt es irgendwann kein Theater mehr. Also, insofern ist uns das sehr wichtig. Ich versuche hier Theater zu machen in dem Spagat, natürlich wohlwissend, das Gros unseres Publikums ist um die Fünfzig, aber ich will das nicht verprellen, und will trotzdem auch die Jugend holen. Ich habe den Eindruck, das gelingt uns hier immer öfter, weil die Jugendlichen, die kommen, und es sollen angeblich mehr werden, die kommen ja offensichtlich, weil ihnen unser Angebot gefällt, weil sich das rumspricht und weil unsere Arbeit mit den Schulen auch funktioniert.
Wir pflegen auch Jugend- und Kinderstücke, und das sehr ernsthaft. Ich habe beispielsweise auch vor einem Jahr einen Jugendclub hier wieder ins Leben gerufen. Das war eine meiner ersten Aktionen. Da habe ich mit zwanzig Jugendlichen den "Sommernachtstraum" von Shakespeare einstudiert. Der Club ist jetzt von Steffen Schreier übernommen worden und er steht immer offen. Da kann jedes Neusser Elternpaar oder Elternteil anrufen und sein Kind anmelden.
Also insofern versuchen wir wirklich auf allen erdenklichen Ebenen den Kontakt zur Jugend und zum Nachwuchs zu maximieren.
So sind auch unsere Bemühungen in der Wolberostraße zu verstehen mit der Erschließung des Kellers, dem Balladenlager. Balladen, die im Deutschunterricht auch schon oft gruselig für die Schüler sind, werden hier noch mal entstaubt dargestellt in einem Ambiente, wo auch Staub von alten Weinflaschen geblasen werden kann, wo Balladen und Rotwein fast das Gleiche sind. Oder wir machen solche Sachen wie "Party Rampengeil I" oder "II" mit "Lebendiger Musikbox oder Soap". Das sind ja alles Dinge, die die Jugend über den Umweg Wolberostraße vielleicht auch ins Haupthaus locken.
NM: Zu den öffentlichen Zuschüssen: Diese sind seit den letzten vierzig Jahren prozentual nicht wesentlich gestiegen: Der Bühnenverein kommt auf lächerliche 0,2 % der öffentlichen Ausgaben. Was halten Sie davon, wenn wir mal vom aktuellen Theaterneubau absehen?
SL: Die Gagen am Rheinischen Landestheater sind "unter aller Sau". Wenn ein Schauspieler hier im Schnitt mit 1800 Mark nach Hause geht, nach den Abzügen, ist das eine solche heldenhafte Arbeit, die hier geleistet wird, im Vergleich zu diesen ganzen "Reiche-Säcke-Theatern", wo die Schauspieler 5000 bis 6000 Mark einstreichen, wie in Düsseldorf oder München. Wir sind hier wirklich so etwas von ehrenwert und so was von unterbezahlt, dass man da für das RLT mal eine Viertelmillion dazu geben müsste, nur um die Gagen mal auf ein anständiges Niveau zu bringen. Wann und wie das geschehen kann, weiß ich nicht, aber es muss geschehen, sonst ist das Ausbeutung.
GH: Man muss bedenken, Neuss hat das billigste Theater in der ganzen Bundesrepublik. Gut, wir lieben unseren Beruf, weiß Gott. Deshalb haben wir ihn ja gewählt. Wir müssen wirklich Opfer bringen dafür, dass wir den Beruf ausüben können. Die Gagen sind halt schon schlimm. Es gibt Kollegen, die müssen putzen gehen.
SL: Es ist der pure Idealismus für ganz viele Kollegen, besonders für die jüngeren. Ich habe schon mal überlegt, ob ich einem arabischen Multimillionär schreibe, ob er "Kalif Storch" sehen will. Ich meine, der verdient täglich 10 000 000 Dollar, ohne irgend etwas zu tun, nur durch das Sprudeln seiner Ölquelle. Eine Million davon würde uns schon reichen. Vielleicht läuft`s darauf hinaus.
NM: Verstehen wir das richtig. Es gibt keine Mindestgagen und das Theater verteilt selbst sein Geld. Es gibt keine übergeordnete Instanz dafür?
SL: Von den 7,5 Mio. Mark gehen, glaube ich, 6,5 drauf nur für die Betriebskosten. Und das Geringste an dem Etat ist wirklich für die Gagen. Die Mindestgagen kriegen die Schauspieler ja.
NM: Aber Miete brauchen Sie nicht zu zahlen?
SL: Doch, auch. Also die Stadt weiß, dass jede investierte Mark letztendlich zwei zurückbringt. Und wir sind hier auch ein Wirtschaftsfaktor in Neuss. Weil das Land hauptsächlich das Theater bezahlt und nicht die Stadt. Aber es ist toll, dass die Stadt hier das neue Theater baut, damit wird sehr viel auch getan für die soziale Situation der Künstler. Es ist auch toll, dass jetzt ein Marktprodukt wie "Der Fetzer" mit 50 000 Mark unterstützt wird, die zusätzlich vom "Quirinus-2000-Etat" abgezweigt werden für uns. Also, insofern gibt es hier schon eine gar nicht so schlechte Atmosphäre für Kultur.
NM: Da passt ja gut unsere letzte Frage. Sie und der Intendant waren während des Schützenfestes als Kellner von Neusser Großkopfeten zu beobachten. Gingen Sie da eventuell etwas zu weit? Anders gefragt: Fühlen Sie sich als Hofnarren und als mehr oder weniger schlecht bezahlte Angestelle eines "Kulturversandhauses"?
SL: Ich merke, dass die Schützen viel weniger Vorurteile uns gegenüber hatten, als wir den Schützen gegenüber. Das war der Punkt, an dem ich begriffen habe, dass diese Idee des Intendanten Burkhard Mauer schon ein Coup ist. Die Kultur und das Schützenwesen zusammenführen, in Zeiten, wo der Kultur der Wind eiskalt ins Gesicht bläst. Vielleicht im Moment noch nicht in dieser Stadt, aber es kann sein, dass irgendwann das Land beschließt, eines seiner vier Landestheater zu schließen. Es gibt kein Land, das so viele Landestheater hat wie NRW, und es wird irgendwann die Frage kommen, welches schließen wir. Und ich finde es toll, dass in einem solchen Moment, ab jetzt damit zu rechnen ist, dass die Schützen das Theater umstellen (großes Gelächter). Ja, ich denke, dass, so lange es in Neuss Schützen gibt, es ab jetzt auch Theater geben wird. Weil das Theater ein Element der Schützenehre ist. Und ich finde das in gewisser Weise wichtig zum Schutz von Kultur.
Das Kleist-Theater Frankfurt/Oder ist jetzt geschlossen worden, weil es in der Stadt keine Lobby gegeben hat, keine Bevölkerungsmehrheit oder -schicht, die da auch nur einmal auf die Straße gegangen wäre, um gegen ihre Stadtvertreter zu protestieren. Das ist ab jetzt, u. a. auch in Neuss wegen der Schützenvereine nicht mehr zu befürchten. Denn die Schützen sind vom Biwak gezogen mit dem Spielplan in der Brusttasche, dem Etikett "Theater muss sein" auf den Zylindern und dem Ensembleplakat auf dem Rücken. Wenn man das augenzwinkernd betrachtet, ist das ein echter Coup. Und das Schöne ist ja, es wäre noch nicht wirklich nötig gewesen. Aber ich denke, es ist perspektivisch eine weise Entscheidung.
NM: Herr Latchinian, Herr Hertel, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Die Fragen stellten Gisela und Christoph Stark, HP Jacobitz