Peter Rohm ist Rechtsanwalt. Ein junger Dynamiker, intelligent, mit gesundem
Geschäftsinstinkt, ohne hinderliche Skrupel. Das egozentrische Kleinbürgerkind.
Jungenhaft-unbedarft dargestellt von Kai Wiesinger. Seit Jahren recherchiert
er akribisch für ein Mengele-Buch, doch eher aus persönlichem Ehrgeiz,
aus Eitelkeit, denn aus politischem Engagement.
Rohm wird nun wegen dieser Forschung und seiner Fähigkeiten als Anwalt
und nicht zuletzt wegen seiner politischen Naivität von dem reichen rechtsradikalen
Verleger Müller in eine Falle gelockt, unter Drogen gesetzt und nach Südamerika
verfrachtet. Hier bietet ihm der greise Mengele, exklusiv für sein Buch,
die Wahrheit über Auschwitz sozusagen als Gegenleistung für seine
Verteidigung. Oder, falls er ablehnt, das Rückflugticket. Rohm lehnt zunächst
ab, ist aber dennoch von der Idee fasziniert. In Gedanken spielt er die zu erwartenden
Ereignisse durch: Rückkehr, Verhaftung, die Presse, Aufmarsch der Neonazis,
Krawalle, der Prozeß, der Glaskäfig, die Zeugen.
Also beginnt Mengele seine Geschichte. Für ihn waren die Selektionen nur
eine Art aktiver Sterbehilfe für ohnehin Todgeweihte. Er ersparte damit
den Opfern die unmenschlichen Bedingungen des Lagers. Die Erkenntnisse der Menschenversuche:
Meilensteine der medizinischen Wissenschaft. Rohm greift nach matter Gegenwehr
schließlich diese Argumente auf, macht sie zu seinen eigenen. Er läßt
sich immer distanzloser auf Mengele ein und verteidigt ihn dann mit allen Mitteln,
zieht Parallelen zur Aufweichung des Euthanasietabus in der aktuellen Diskussion,
stellt die Zeugen, Auschwitzüberlebende, die nun in einer traumatischen
Situation Mengele wieder gegenüberstehen, in bester NS-Anwaltstradition
als unglaubwürdige Lügner dar. Der Staatsanwalt, ein eher schwacher
Moralist, gerät angesichts dieser offensiven Strategie immer wieder ins
Wanken. Mengele und sein Zauberlehrling beherrschen eindeutig die Szene.
Hier zeigt sich die Besetzung mit Götz George als Problem. Er liefert eine
glänzende schauspielerische Leistung. Aber gerade dadurch gerät Mengele
derartig monolithisch, von einer unangreifbaren, intelligenten Souveränität,
daß alle anderen neben ihm wie Würstchen aussehen. Er leugnet nicht,
beschönigt nichts, gibt die Massenmorde ruhig zu, und behandelt das Gericht
wie dumme Dilettanten, die die Größe seiner Mission nicht verstehen.
Hier spielt George alle an die Wand. Keiner hat wirkliche Argumente. Gestotter.
George ist dem Reiz erlegen, aus Mengele eine brillante, faszinierend starke
Persönlichkeit zu machen, die über erhebliche Attraktivität verfügt.
Er will das Monster, aber er erschafft Nietzsches Übermenschen. Ein singuläres
Wesen, jenseits aller Normen.
Regisseur Roland Richter verwendet für "Nichts als die Wahrheit"
das Genre des klassischen Gerichtsfilms, um zunächst vordergründige
Fragen wie die Anwendung rechtsstaatlicher Normen auf Naziverbrecher zu diskutieren.
Es geht ihm bei seiner Wahrheitssuche allerdings nicht um die Fakten, die übrigens
keineswegs so bekannt sein dürften, wie uns der Film suggeriert. Es ist
ein Film aus der Perspektive der Kinder der Täter. Es geht um den Umgang
mit den Verbrechen der Eltern. Widerstand kommt hier nicht vor, er hat somit
keine Traditionslinie in das heutige Deutschland. Richter verlagert so sein
Thema in die individuellen Normen und Wertvorstellungen der heutigen politischen
Generation, die über Gut oder Böse entscheidet.
Da gibt es die kalten Verbrecher, (Mengele) und die unwissenden Mitläufer
wie Rohms Mutter, die als Schwesternschülerin ohne ihr Wissen geistig Behinderten
die Todesspritze setzte. Rohms Mutter stellt sich schließlich ihrer Tat,
bereut und erhält von Rohm die Absolution. Mengele dagegen rechtfertigt
sein Tun, er wird von ihm letztendlich verstoßen. Ein neutestamentarischer
Reue- und Bußgedanke durchweht den Film.
Das Abdrängen der faschistischen Greuel auf die Ebene subjektiv- ethischer
Normen, die Stilisierung von Auschwitz zu einem mythischen Begriff, der sich
rationaler Analyse verschließt, die Dämonisierung einiger Symbolfiguren
zu Inkarnationen des Bösen schlechthin verstellen letztlich, und hierfür
gibt es Gründe, die Möglichkeit, gesellschaftliche Ursachen des Faschismus
aufzuspüren und ihnen politisch zu begegnen.
Seit dem Zusammenbruch des Faschismus stellte sich für das restaurierte
Deutschland immer die Frage, wie mit der Stigmatisierung durch die ungeheuren
Verbrechen der Faschisten umzugehen ist, an deren Aufrechterhaltung neben den
Antifaschisten auch die imperialistischen Konkurrenten wie z. B. die USA (Goldhagen)
ein wechselndes Interesse haben. Nach den Verdrängungen der Adenauerzeit
gab es später immer wieder Versuche, Schlußstriche zu ziehen. Wie
jüngst auch Herr Walser meinte, sich an dieser Front verdient machen zu
müssen. Letztlich sind diese Versuche alle gescheitert. Eine Wiedergewinnung
außenpolitischer Handlungsfreiheit läßt sich bislang nur unter
Einschluß des antifaschistischen Gestus erlangen. Hier sind auch die Grundlinien
der Debatte um das Holocaust-Denkmal festzumachen. Es stellt sich das Problem,
wie aus der Barriere Antifaschismus sozusagen ein imperialer Impetus zu gewinnen
ist. If you can't beat them, join them. Und folgerichtig bombten Fischer und
Co. nicht trotz, sondern wegen Auschwitz im Kosovo. "Wir haben verstanden."
So richtig die Sau rauslassen kann nur, wer von seiner Mission als Gutmensch
überzeugt ist. Es ist die ideologische conditio sine qua non aller großen
Greueltaten. Und, das ist das Neue, sie kann aus einer Art unpolitisch-moralischem
Antifaschismus gewonnen werden.
Dazu bedarf es der ständigen Selbstvergewisserung. Die Identifikationsfigur
des Films z. B. Peter Rohm, wie er sich hier an Mengele abarbeitet, exemplarisch
für die Haltung zum Faschismus, politisch naiv, nicht uneitel, geschäftlich
erfolgreich, aber doch letztlich auf der ethisch-korrekten Seite, bietet dem
rosa-grüne Wählerpotential das Destillat der eigenen Grundhaltungen.
Wie er hätten auch sie sich verhalten. Rohm geht nie weiter als sie. Seine
Erkenntnisse sind nicht tiefer als ihre, alles bleibt affirmativ. Er ist ein
Gutmensch. Mit ihm kann man sich innerlich auf die Schulter klopfen.
Nichts als die Wahrheit ist, es gab nicht nur Auschwitz-Birkenau, da war auch
das Stammlager und da war Auschwitz-Monowitz. Die riesigen Buna-Anlagen der
IG-Farben. Lebensnotwendig für die Fortführung des Krieges. Dieses
und die anderen Betriebe der Heimatfront verschlangen hunderttausende Arbeitssklaven.
Ausgepreßt, zu Tode geschunden in wenigen Monaten, warteten auf sie, wie
auf die sofort als arbeitsunfähig selektierten, die Gaskammern von Birkenau.
Hier ging es nicht um Mystik, um das unbegreiflich Böse. Hier ging es um
Krieg und damit zuallererst um Profit. Hier wurden die Milliardäre gemacht,
deren Schutz gegen die unverschämte Raffgier der ehemaligen Arbeitssklaven,
sich der sozialdemokratische Kanzler und sein vorbestrafter Steuerhinterzieher
eine Herzenssache sein lassen. Hier entstand das Kapital, das heute wieder und
bislang recht erfolgreich zur Beherrschung Europas angetreten ist.
Seit der unpolitisch-moralische Antifaschismus Teil der Legitimationsstrategie
des deutschen Imperialismus geworden ist, muß sich jeder, der auf dieser
Ebene argumentiert fragen, ob er nicht, ungewollt, zur Legitimierung der Machtinteressen
genau derjenigen beiträgt, die schon aus Auschwitz ihren Profit gezogen
haben.
Daher hinterläßt der Film einen sehr ambivalenten Eindruck. Es ist
schon das subjektive Interesse zu spüren, einen ehrlichen Beitrag zur Aufarbeitung
unseres Umgangs mit der Vergangenheit zu leisten. Aufgrund der analytischen
Schwächen und der Stilisierung Mengeles steht aber zu befürchten,
daß er erheblich anders funktioniert, als von seinen Machern intendiert.
Klaus Wagener