Minna von Barnhelm

oder:

Wozu Aufklärung

Vorneweg gesagt: Es wird eine flotte Inszenierung des Stückes geboten. Wer gedacht hat, dem Stück aus dem 18. Jahrhundert, genauer gesagt, unmittelbar nach dem Siebenjährigen Krieg, ist keine Präsenz in der heutigen Theaterlandschaft mehr zu gönnen, mußte erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass dem nicht so ist. Sieht man von dem historischen Hintergrund des Geschehens ab, kann sehr wohl eine lustvolle Vorführung herauskommen. Die Schauspieler sind voll (so sagt man heute wohl) bei der Sache. Major Tellheim vielleicht eine Spur zu laut und humorlos. Aber das Letztere hat ja auch mit seiner Seelenpein zu tun und sei verziehen. In dieser auf Ehre und Gewissen pochenden Haltung liegt sicher auch die mögliche Schwierigkeit für unsere Computerkids, dem zu folgen. Aber dafür die Frauen!
Die Bühne - das Leben ist eine Baustelle - eben dieser nachempfunden, ist wie im wirklichen Leben für die Männer eine Marterstrecke, während die Frauen des Stücks bestens, ohne zu straucheln, die Widrigkeiten meistern.
Ein dickes Lob verdienen auch die Programmheftmacher. Das Heft bietet, wenn auch erst zu Hause in aller Ruhe studiert, einen guten Einblick in die Schwierigkeiten Lessings, das Stück zum ersten Mal in Hamburg aufzuführen. Vom Druck aus dem preußischen Berlin ist die Rede, von der Furcht der Hamburger Pfeffersäcke. Hamburg war gerade im Begriff, als freie Reichstadt, nur dem Kaiser unterstellt, seine Unabhängigkeit von den Fürsten zu bewahren und das "Tor zur (Handels- bzw. Kolonial-)Welt" zu werden. Aber das Taktieren des Hamburger Senats mit Berlin wirft auch ein Licht auf die "deutsche Aufklärung" und damit auf Lessing als Vertreter der ersten Garde der Aufklärer. Es geht im weiteren in den deutschen Landen immer um die Frage, wie halte ich es mit dem Fürsten. Wenn die Franzosen - zwar erst nach seinem geplanten Landesverrat 1792 ihren König samt Gattin ins Jenseits befördern, kommen solche Gedanken in Deutschland nie auf. Hier wurde bis zuletzt an einem Bündnis zwischen Bourgeoisie und Kaiserhaus geschmiedet, sollten auch Hunderte von Freiheitskämpfern und Antifeudalen in der Folge der 1848er Revolution ihr Leben lassen.
Damit ist auch die Frage aufgeworfen: Was kann Aufklärung heute leisten?
Nehmen wir Lessing selbst.
Lessing sah sich eher als Weltbürger, der mit Patriotismus nichts am Hute hatte. Er steht im 18. Jahrhundert für Antiabsolutismus und aufgeklärten Rationalismus, d.h. für Vernunft. Er steht für das sich entwickelnde bürgerliche Klassenbewußtsein unter der drückenden Gewalt der feudalabsolutistischen Verhältnisse. Dagegen setzt er Aufklärung durch Schrift und Theater, das sind seine Waffen. Aufklärung tut auch heute not, angesichts der herrschenden Auffassung, die jetzige Gesellschaftsform sei "das Ende der Geschichte" bzw. seit der Machtübernahme der Blairs, Jospin und der Rosa-Grünen Koalition in Berlin lohne es erst recht nicht, über die Abschaffung von Lohnarbeit und Ausbeutung, Markt und Geld, über die wie selbstverständlich ausgesprochene Durchsetzung "unserer Interessen auf dem Weltmarkt" etc. nachzudenken. Wenn der Bevölkerung die sog. Reformvorschläge der Regierung wie "alternativlose" Wohltaten, die wir nur leider nicht kapieren, verkauft werden sollen, ansonsten haben wir uns nicht einzumischen, soll von einer grundsätzlichen Opposition schon gar nicht zu reden sein. Und doch ist nichts nötiger als das. Aber dazu bedarf es der Schärfung des Verstandes, der Fähigkeit und der Lust, Widersprüche aufzuspüren und zu entwickeln. Und dies geht besonders gut mit der Literatur und auf dem Theater. Hier kann auf besondere Weise, die Lust darauf geweckt werden. Dafür ist auch ein alter Klassiker wie Lessing gut, wenn er so gespielt wird, wie jüngst auf der Bühne des Rheinischen Landestheater.

 

HPJ