Mehr als zehn Millionen Menschen aus den überfallenen und besetzten Ländern,
aus Konzentrationslagern und Haftanstalten wurden in der Zeit des Zweiten Weltkrieges
in Deutschland zur Arbeit gezwungen.
Noch heute, über fünfzig Jahre nach der Zerschlagung des Nationalsozialismus,
warten die meisten der noch lebenden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter
auf eine Entschädigung durch die Nutznießer ihrer Qual.
Industrie und Landwirtschaft, der Staat selbst wie auch Bahn, Post und kommunale
Betriebe haben sich bisher ihrer Verantwortung entzogen.
Vor dem Hintergrund neuer Klagen in der Bundesrepublik, vor allem aber der in
den USA eingeleiteten Sammelklagen haben sich sechzehn deutsche Industriekonzerne
und Banken mit Opferverbänden, deren Anwälten sowie Vertretern der
Bundesregierung darauf verständigt, eine öffentlich-rechtliche "Stiftungsinitiative
der deutschen Wirtschaft" ins Leben zu rufen und in diesem Rahmen eine
Entschädigung an ehemalige ZwangsarbeiterInnen zu leisten.
In Neuss haben neben der Reichsbahn und der Landwirtschaft über 30 Industriebetriebe
Gewinn aus der Ausbeutung der ZwangsarbeiterInnen gezogen, darunter International
Harvester Company, Bauer & Schaurte, Schmolz & Bickenbach, die Baufirma
Adolf Gürtler, Thywissen & Rickmers, Groove & Welter, die Nationale
Radiator Gesellschaft und die Elektro-Schweiß-Industrie Neuss.
Von den noch existierenden Neusser Firmen oder ihren Rechtsnachfolgern gibt
es bisher kein Signal, sich an der Stiftungsinitiative der sechzehn deutschen
Unternehmen zu beteiligen.
Die ZwangsarbeiterInnen brauchen eine möglichst gerechte und angemessene
Entschädigung durch eine abschließende Regelung. Nur eine öffentlich-rechtliche
Bundesstiftung kann allen Überlebenden schnell, unbürokratisch und
individuell helfen. Angesichts ihres hohen Alters und oftmals schlechten Gesundheitszustandes
können den meisten ZwangsarbeiterInnen keine langjährigen, quälenden
und im Ausgang ungewissen Prozesse zugemutet werden. Viele von ihnen können
den Rechtsweg nicht mehr beschreiten, da die "Verjährungsfrist"
für derartige Klagen bereits abgelaufen ist.
Die UnterzeichnerInnen appellieren deshalb an die Neusser Unternehmen und deren
Rechtsnachfolger:
* Öffnen Sie Ihre Firmenarchive für die historische Forschung und
für die Überlebenden selbst.
* Beteiligen Sie sich an der "Stiftungsinitiative deutscher Unternehmen:
Erinnerung, Verantwortung und Zukunft", um eine den Vorstellungen der Opfer
und ihrer Verbände entsprechende Entschädigung zu leisten.
Diesen Appell verbinden wir mit der Erwartung, daß die Gesamtsumme der
Stiftung durch Beteiligung weiterer Firmen tatsächlich erhöht wird.
Die Stadt Neuss fordern wir auf, eine Entschädigungsregelung für die ehemals in Neusser Kommunalbetrieben eingesetzten Zwangsarbeiter zu finden, die historische Forschung zur Zwangsarbeit in Neuss finanziell und organisatorisch zu unterstützen und für eine angemessene Ehrung der in Neusser Betrieben ausgebeuteten und ermordeten ZwangsarbeiterInnen zu sorgen.