
Wir waren auf der Suche nach einem Ort namens Laufenberg, der in der Nähe
von Neuß liegen sollte. Die Stadt lag unter heftigem Granatbeschuß,
aber auf dem flachen Land war es noch unangenehmer. Wir fuhren auf schmalen,
gewundenen Nebenstraßen, immer den Rhein vor Augen and im Blickfeld deutscher
Scharfschützen, bis wir zu einem unserer letzten vorgeschobenen Posten
kamen. Die Jungs hockten mit ihren Schnellfeuergewehren und gespickt mit Handgranaten
in länglichen Schützenlöchern and warteten irgendwie auf den
Angriff. Niemand wußte, wo Laufenberg war, und es interessierte sie auch
nicht. Ob das hier ein Picknick sei oder was? Manchen Leuten sei nicht zu helfen,
wenn sie glauben, daß die Krauts nur aus Jux herumballern. Sobald die
jemanden sehen, schießen sie, und wer nicht zuerst schießt, wird
abgeknallt. Wir wiederholten, daß wir nach Laufenberg wollten, dort befinde
sich ein großes Gestüt. In diesem Moment kam ein deutscher Bauer
vorbei, und sofort richteten sich sämtliche Gewehre auf ihn. Mit unmißverständlichen
Gesten wurde er aufgefordert, ein bißchen plötzlich zu verschwinden,
was er auch sofort tat, nicht ohne uns nervös den Weg nach Laufenberg erklärt
zu haben.
Das Gestüt, direkt am Rhein gelegen, war kurz zuvor von amerikanischen
Soldaten in Beschlag genommen worden. Wir wollten mit dem Besitzer sprechen,
Herrn Schauerte, einem prominenten Industriellen. Er war nicht im großen
Haus, nicht in dem kleinen Haus, er schien überhaupt nirgendwo zu sein.
Schließlich fanden wir ihn über den Stallungen in einer behelfsmäßigen
Mansarde, die man mit Hilfe einer hohen Leiter erreichte.
Auf einem Feldbett, das fast
den ganzen Platz ein
nahm, saßen ein Mann und eine Frau. Der Mann war wirklich ein Anblick.
Er war so farbenfreudig gekleidet, daß ein Regenbogen neben ihm blaß
ausgesehen hätte. Er trug leuchtend gelbe Knickerbocker, eine grünrote
Tweedjacke, ein himmelblaues Hemd and dicke buntkarierte Wollstrümpfe.
Vielleicht entsprach das ja der Vorstellung, die man sich in Deutschland von
einem englischen Landedelmann machte, doch unter den gegebenen Verhältnissen
wirkte seine Aufmachung ein wenig extravagant. Herr Schauerte machte aber einen
durchaus selbstbewußten Eindruck. Das hellwache, freundliche Gesicht deutete
darauf hin, daß dieser Mann nicht so leicht zu verunsichern war.
Seine Frau war ein völlig
anderer Typ. Mit eiskal-
ten Augen und arroganter Miene saß sie da, steif, schmallippig and abweisend,
ganz ostelbische Adlige. Sie fand es ungeheuerlich, daß die Soldaten sie
aus dem Schloß vertrieben und in die Mansarde über dem stinkenden
Stall verbannt hatten. Ihr Mann lachte nur. »Vergiß nicht, meine
Liebe«, sagte er, »wir sind einen Kilometer von der Front entfernt.«
Schauerte sprach hervorragend Englisch, was nicht verwunderte, da er am MIT
in Cambridge (Mass.) studiert hatte und viel in englischsprachigen Ländern
herumgekommen war. Bei Kriegsausbruch befand er sich auf einer Jagd in Kanada
und wurde zunächst dort interniert, später auf die Insel Man verfrachtet.
Als prominenter Industrieller wurde er von den Engländern ausgesprochen
höflich behandelt. Er bewohnte eine Villa, bekam gutes Essen and hatte
Zugang zu allen Zeitungen. »Ich war«, sagte er mit einem breiten
Lächeln, »der Gast des Königs.« 1942 kehrte er im Rahmen
eines Gefangenenaustauschs nach Düsseldorf zu seinen Rüstungsbetrieben
zurück.
Während unseres Ge-
sprächs vermittelte
er den Eindruck eines humorvollen, toleranten Mannes von Welt, der die vulgären
Leidenschaften der Menschheit mit zynischer Distanz betrachtete. Die Ansichten
dieses Großindustriellen, der, im Verein mit den anderen Wirtschaftsmagnaten
von Rhein and Ruhr, nicht nur Hitler zur Macht verholfen, sondern selber vom
Nazismus und von den Rüstungsaufträgen profitiert hatte, wurden durch
seine Distanz um so interessanter.
Schauerte erklärte, daß er, wie viele andere Industrielle auch, kein
allzu großer Patriot sei. Da Deutschland als Industriemacht erledigt sei,
wolle er nach dem Krieg nach Argentinien auswandern, wo er Grundbesitz habe.
Darin war er keine Ausnahme. Industrielle, sagte er, seien vor allem Geschäftsleute
und erst in zweiter Linie Patrioten. Man habe sich mit der Niederlage Deutschlands
und der Demontage der Schwerindustrie abgefunden. Die Aussicht erschrecke ihn
nicht.
»Ich finde Deutschland schön«, sagte er mit einer beiläufigen
Handbewegung, »aber ich kann nicht behaupten, daß es mich zu Begeisterungsstürmen
hinreißt.«
Er habe keine besondere Angst vor den Kommunisten. Erstens bestehe kein wesentlicher
Unterschied zwischen Kommunismus und Nazismus, und wenn er unter dem einen nicht
gelitten habe, warum solle er sich dann vor dem anderen fürchten? »Mein
Reichtum«,sagte er und tippte sich dabei an die Stirn, »ist hier
drin. Meinen Besitz können sie mir wegnehmen, aber nicht mein Gehirn.«
Zweitens glaube er, daß sich der Kommunismus in den letzten Jahren gewandelt
und an Ansehen gewonnen habe. »Neulich habe ich ein Foto von Stalin gesehen,
wie er neben Roosevelt und Churchill sitzt. Niemand kann mir einreden, daß
ein so gepflegter, manierlich aussehender Bursche wie Stalin ein wildgewordener
Radikalinski ist.«
Eindrucksvoll fand Schau-
erte, daß jedermann in
Deutschland für den Sieg gekämpft habe, besonders die Arbeiter, von
denen er in den höchsten Tönen sprach. »Meines Wissens hat es
in den Fabriken keinen einzigen Fall von Sabotage gegeben. Unsere deutschen
Arbeiter haben treu and gewissenhaft ihre Pflicht getan. Sie sind willfährig,
fügsam, fleißig and machen keine Schwierigkeiten.«
Schauerte »verabscheute« zwar die Politik, hatte aber doch bestimmte
Vorstellungen. Er plädierte, genau wie der Aachener Oberbürgermeister
Oppenhoff, für eine staatliche Ordnung, in der die Arbeiter einfach nur
zu gehorchen hatten. Parteien, freie Wahlen, Parlamente - alles unnötig.
Als ich darauf hinwies, daß ein solcher Ständestaat nichts anderes
als eine Diktatur sei, hob er beschwichtigend die Hände. »Von solchen
Dingen verstehe ich nichts. Ohnehin gebt ihr Amerikaner jetzt die Kommandos.
Es werden rund sechzig Millionen Deutsche übrig sein, die könnt ihr
nicht einfach verhungern lassen.«
Auf unsere Frage, ob ihm bekannt sei, daß Millionen von Europäern
unter den Deutschen gehungert hätten und ermordet worden seien, sagte er,
daß er von solchen Dingen wenig wisse, und seine Frau fügte mit ihrer
kalten, arroganten Stimme hinzu, daß ihr so etwas nie zu Ohren gekommen
sei. Aus ihrem Tonfall ging hervor, daß sie uns für Lügner hielt,
und aus seinem, daß wir unsere Zeit mit Nebensächlichkeiten vergeudeten.
»Ich kenne niemanden, der sich so etwas wie Gaskammern and Exekutionen
ausdenken könnte.« Jedenfalls habe er damit nichts zu tun.