Bei der Durchsicht von Saul K. Padovers Buch sind wir auch auf einen interessanten
Text über den Neusser Industriellen und zeitweiligen NS-Wehrwirtschaftsführer
sowie Schützenkönig (1933!, siehe Traueranzeige Neusser Bürger-Schützen-Verein:
"in schwerer Zeit") Werner T. Schaurte gestoßen. Als die amerikanischen
Truppen sich 1944/45 dem Niederrhein nähern und im Vorfeld Padover auch
zur "Lauvenburg", dem damaligen Sitz der Schaurtes gelangt, entsteht
der umseitig abgedruckte Bericht über Padovers Gespräch mit dem Fabrikanten
samt Gattin. Der frühere Vorsitzende der Geschichtswerkstatt Neuss, Peter
Diesler, hatte in der Neusser Zeitschrift "Dunkelziffer", 5/88, umfangreich
über den Werdegang Werner Schaurtes berichtet. Er hatte herausgearbeitet
- und das wird auch in den 1945 von Schaurte selbst geäußerten Ansichten
deutlich - was einen Industriellen dazu geführt hat, auf Hitler und sein
Programm zu setzen.
Der Neusser Schraubenfabrikant Werner T. Schaurte, Sohn des Firmengründers
Christian Schaurte, ließ es sich nicht nehmen, am 1. Mai 1933 - von den
Nazis zum offiziellen Feiertag (Tag der Arbeit!) erhoben - seinen betrieblichen
SA-Sturm auf den Neusser Marktplatz zu führen. Dort feierte Herr Schaurte
den Tatbestand, dass von seinen 800 Mitarbeitern bereits 115 den Weg in den
SA-Sturm gefunden hatten, als "besonderes Zeichen des Gemeinschaftsgeistes
im Betrieb". Er schloss seine Rede mit den Worten: " ...man wolle
gläubig an die neuen Aufgaben herangehen und im alten Bauer & Schaurte
- Geist am Wiederaufstieg der Nation mitwirken." (Dunkelziffer 5/88)
Schaurtes Schrauben wurden für diese Aufgaben gebraucht, vor allem für
Flugzeuge und Panzer. Dafür wurden Arbeitskräfte benötigt, und
der Laden schnurrte wieder. Besonders im Krieg wurden zusätzliche Arbeiter
verlangt und dafür gab es die Zwangsarbeiter, die aus Polen, Frankreich,
aber hauptsächlich aus Rußland stammten. Diesler fand damals heraus,
dass sich auf dem Werksgelände, mit einem drei Meter hohen Zaun abgeschirmt,
das Barackenlager der Zwangsarbeiter befunden hat: "Neusser Belegschaftsangehörige,
deren Arbeitsbedingungen und Versorgungslage sich ebenfalls zunehmend verschlechtert,
solidarisieren sich mit den Zwangsarbeitern, verbergen sie oder verhelfen ihnen
zur Flucht" weiß Diesler zu berichten. "Im Kesselhaus des Werks,
(...) , entstand eine Keimzelle des Widerstands. Hier wurden heimlich Flugblätter
gegen die Durchhalteparolen der Nationalsozialisten getippt." (alle Zitate
und Abbildungen aus Dunkelziffer 5/88').
Der Bock wird zum Gärtner
Wie wir weiter wissen, wird Schaurte wenige Tage nach dem Einmarsch der US-Truppen
in Anwesenheit des US-Stadtkommandanten zum Gründungsmitglied und später
Vizepräsident der Neusser Wirtschaftskammer, die u.a. die Aufgabe zugewiesen
bekam, die Entnazifizierung im Bereich der Wirtschaft, insbesondere Neusser
Industrielle politisch zu überprüfen. Peter Diesler fragte damals:
"Entweder, die Militärregierung war über die Vergangenheit des
Wehrwirtschaftsführers informiert, dann torpedierte sie von Beginn an den
gesellschaftlichen Neubeginn in der Stadt Neuss, oder die anderen anwesenden
Neusser - Industrielle und Stadtverwaltungsangehörige wie Wilhelm Wehrhahn,
Schramm, Adolf Flecken, Joseph Nagel (Oberbürgermeister) und Harry Arns
- deckten den cleveren Ingenieur und Fabrikherrn Schaurte."
Heute wissen wir mit dem Vorliegen des Buches von Padover, der die Berichte
an seine vorgesetzten US-Stellen weitergegeben hat, dass die US-Army sehr wohl
über Schaurte informiert war. Jedoch, wie auch aus Padovers Berichten zu
erlesen ist, gab es sogenannte "unpolitische" Militärs, die mit
solchen Entscheidungen oft überfordert waren. Immerhin musste Schaurte
am 2. April 1946 sein Amt räumen und die Firmenleitung abgeben. Später
sehen wir ihn übrigens wieder bei den Rassisten in Südafrika, wo in
einem von ihm betriebenen Zweigwerk nun schwarze Akkordarbeiter für ihn
schuften "durften".
HPJ